Anmerkungen
Die Tuschesammlung zeigt 64 Plätze und Gebäude einer Gartenanlage. Die
Tuschestücke befinden sich in zwei mit blauem Baumwollstoff bezogenen Kassetten. Jede Kassette
besteht aus einem vierseitigen Schutzumschlag und beinhaltet vier Tabletts, die mit
ungefärbtem Baumwollstoff bezogen sind und je acht Aussparungen aufweisen, die den
Umrissen der einzelnen Tuschestücke genau angepasst sind. Auf jedem Tablett sind oben und
unten drei längliche Tuschestücke angeordnet, in der Mitte dann quadratische oder
Querformate. Jeweils die Bildseite zeigt nach oben, so dass die beschriftete Seite als
'Rückseite' bezeichnet werden kann. Die Form der Kassetten entspricht der von alten
chinesischen Buchausgaben. (Da Bücher in China früher keinen festen Einband hatten,
wurden die mit Fadenheftung gebundenen Einzelteile einer Ausgabe in solch einem
Schutzumschlag aufbewahrt. Jedes Tablett ahmt in seiner Form somit einen Buchteil nach).
Jedes Tuschestück ist individuell gestaltet, die Details sehr fein gearbeitet. Auch der
äußere Umriss ist aufwendig ausgeführt und bei jedem Stück unterschiedlich. Vereinzelt
ist neben einer Farbauflage in Gold auch noch grüne Farbe zur Colorierung von Bambus und
Bäumen erkennbar. In wenigen Fällen wurde auch Silber verwendet. Insgesamt 25 der 64
Stücke sind mit der obigen Signatur Qian Long Wu Shi Nian Zhi
versehen. Die Widmung der Auftraggebers ist nur bei dem Stück "(Der) Tusche-Teich (des
Wang Xizhi)" angebracht.
So wenig die Entzifferung der Texte auf den Tuschestücken auch Schwierigkeiten
bereitet, so unklar bleibt jedoch, auf welche historischen Gebäude und Plätze sich
die Motive beziehen. Laut dem Titel des Einbandes soll es sich um den Yi He Yuan
handeln (große Gartenanlage der letzten Qing-Kaiser nordwestlich von Beijing, heute als
"Neuer
Sommerpalast" bekannt, wortwörtlich: Garten der klaren Wellen; erbaut
1749-1764, nach der Zerstörung 1887 neu gestaltet). Das Tuschestück Lesezimmer im Yi
He nimmt hierauf eindeutig Bezug. Keines der dargestellten Motive gibt aber Szenen dieses
Palastes wieder. Da der Palast eine Fülle äußerst markanter Sehenswürdigkeiten
aufweist, ist es völlig unverständlich, dass hiervon nicht eine einzige abgebildet ist,
obwohl der Titel der Sammlung ausdrücklich auf Sehenswürdigkeiten des Parks abhebt. Aufgrund
des Tuschestücks Klare Welt, in der ein Gebäude in Form einer Swastika
dargestellt ist, könnte man vermuten, dass es sich bei den Abbildungen auf den
Tuschestücken um Szenen des wesentlich älteren Yuan Ming
Yuan handelt (prächtige und wesentlich größere Sommerresidenz der Qing-Kaiser,
heute "Alter Sommerpalast" genannt; Baubeginn 1709; wortwörtlich Garten
der Gärten / Vollkommener Garten). Nach alten Abbildungen stand dort dieses
Gebäude. Unter den überlieferten Gebäudenamen des Yuan Ming Yuan findet sich
aber wiederum nicht einer, der mit denen auf den Tuschestücken verzeichneten Namen
übereinstimmt. Eine denkbare Erklärung wäre die, dass
es sich durchaus um authentische Plätze und Gebäude des Yi He Yuan handelt,
jedoch um den ersten Bauzustand vor der Zerstörung im Jahr 1860, wie es die Signatur ja
auch angibt. Beim Wiederaufbau im Jahr 1887 wären dann andere Gebäude errichtet worden.
Demzufolge müsste der heutige Bauzustand des Yi He Yuan im Jahr 1887 vollständig
neu entworfen worden sein. Eindeutige Quellen hierzu sind nicht bekannt.
Nach Art und Ausführung zu urteilen, handelt es sich um eine Auflage, die speziell zum
50. Regierungsjahr des Kaisers Qian Long von einem hohen chinesischen
Beamten als Geschenk in Auftrag gegeben und im Jahr 1786 überreicht wurde.
In einer chinesischen Publikation aus dem Jahr 2000
wird zu der Abbildung des Tuschestücks "Natur,
wie ein Gemälde" angemerkt, diese Tusche sei Teil des Tuschesets
"ming yuan tu" (Berühmte-Gärten-Bilder) und würde Szenen der
drei Gartenanlagen "yuan ming yuan , chang chun yuan , da nei san
hai" darstellen. Die ersten beiden Gärten waren Teil des alten
Sommerpalastes Yuan Ming Yuan, der dritte stellt die westlich der
Verbotenen Stadt gelegenen drei kaiserlichen Gärten mit dem heutigen
Beihai-Park dar. Die Model habe Zhou Zan geschnitzt (lebte Ende des 18. Jhr.), hergestellt
wären die Tuschestücke von Wang Jie An (1723-1802).
Diese Angaben würden die obigen ungeklärten Fragen beantworten.
Der Text des oben abgebildeten Tuschestücks spielt auf
die Legende an, daß der berühmte Kalligraph Wang Xizhi seinen Tuschepinsel immer in
einem Teich in seinem Garten auswusch. Da er sehr viel schrieb, färbte sich der Teich
dadurch mit der Zeit völlig schwarz (wie eine Gewitterwolke).
Die Form des Tuschestücks stellt eine alte Waffe dar, eine scharfklingige Axt. Die Form
war aber auch als Schmuckstück sehr beliebt und wurde dann, aus Jade geschnitzt, am
Gürtel getragen. |