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"Wenn von den
zahlreichen Uebertragungen des Tao-te-king, dieses klassischen Buches von der Vernunft und
der Tugend, diejenige von O. Sumitomo gewählt wurde, so geschah es aus dem Grunde, weil
sie die nimmermüde philologische Arbeit von Stanislaus Julien über Viktor von Strauß
und Richard Wilhelm bis zu den neuesten Sinologen gewissenhaft abwägend berücksichtigt
und sich dabei dem deutschen Sprachgeiste gut anschmiegt. Wo aber die wissenschaftlichen
Meinungen auseinandergehen, da greift sie auf den bilderschriftlichen Sinn der
chinesischen Zeichen zurück. Denn Bild und Schrift sind in China untrennbar miteinander
verbunden. Das Wort kann die Brücke zum Verständnis nur schlagen, wenn es in
schöpferischer Symboldeutung den Sinn der alten Zeichen erfaßt, wie sie sich über zwei
Jahrtausende hin in der chinesischen Schrift allmählich entwickelt und gewandelt haben.
So scheint es nur richtig und schön, wenn uralte Volksverse, die Lao-tse dem ewigen Boden
seiner Heimat entnommen hat, in volkstümlicher Form und einfachen Reimen wiedergegeben
werden.
Sympathisch muß es berühren, daß
an den Stellen, wo die alte Schrift dunkel bleibt, nichts gewaltsam in die Worte des
Meisters hineingezwängt ist. Es war immer ein Fehler in den Uebersetzungen, daß die
Theosophen einen Theosophen, die Pantheisten einen Pantheisten und die Materialisten gar
einen platten Nützlichkeits- prediger aus Lao-tse machen wollten.
Wenn für den Leser in den
Blättern dieses Buches nichts zu sinnen und zu grübeln bliebe, dann wäre es nicht die
Weisheit des Ostens, wäre es nicht eine der schönsten, tiefsten und merkwürdigsten
Schöpfungen der Weltliteratur, wäre es nicht die Suche nach dem Weg zu Tao."
(Aus der Einleitung von Werner A. Classen)
Besonders bei philosophischen Schriften stellt sich die grundlegende
Frage, welche Intention eine Übersetzung haben soll: Wissenschaflich- textkritisch für
Fachkreise oder interpretativ frei, zum bestmöglichen Verständnis für die
Leserschaft?
Gerade das Tao Te King ist nicht sachlich-neutral zu übersetzen, denn schon die Wahl der
Worte und ihr Grundtenor, den der Übersetzer durch sie vorgibt, spiegelt seine Auffassung
und sein Verständnis. Die Worte möglichst ohne innere Anteilnahme zu wählen, erscheint
hier gar nicht möglich, bzw. ginge auch völlig am Sinn einer Schrift wie dem Tao Te King
vorbei. Wenn aber jede Übertragung somit zwingend einer Interpretation gleichkommt, so
erscheinen mir diejenigen Übersetzer am sinnvollsten, die ihr Verständnis in ihrer Textversion
dann auch wirklich ausdrücken, anstatt dort, "wo die alte Schrift dunkel bleibt,
nichts gewaltsam in die Worte des Meisters hineinzuzwängen". Laotse ist überall
dunkel - dann könnten wir uns jede Übersetzung sparen (und böse Zungen könnten
behaupten, wer sich mit Laotse schwer tut, belässt vorsichtshalber lieber alles im
Dunkeln).
Mut zur eigenen Meinung ist nicht nur bei Übersetzungen des Tao Te King gefragt.
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