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"Das Daodejing ist
ein altes chinesisches Buch, von dem man hierzulande nicht allzuviel versteht, in wie
vielen Übersetzungen es auch vorliegen mag. Es ist so alt, daß man nicht einmal weiß,
wie alt es ist. Man weiß auch nicht, wer es geschrieben hat oder unter welchen Umständen
es zustande kam. Bis zum Jahre 1973 war das Daodejing, der Klassiker von Dao und De,
allgemein in der Überlieferung des Philosophen Wang Bi bekannt. Wang Bi hatte im 3.
Jahrhundert n. Chr. das Buch mit einem eigenen Kommentar versehen. Auch wenn zu seiner
Zeit die Schriftkultur in China schon dominant war, war das Buchwesen doch verschieden von
dem unserer Tage. Ein Buch, ein "Klassiker" zumal, existierte nicht in Gestalt
eines einmal von einer bestimmten Person zu einer bestimmten Zeit verfassten authentischen
Textes, sondern in seiner "Überlieferung". Der Text eines
"Klassikers" wurde also nicht als das Produkt der Schriftstellerei eines
gewöhnlichen Menschen angesehen, sondern er war ein "heiliger Text", irgendwann
erschienen, vielleicht durch einen Heiligen verkündet, und dann von den Bewahrern einer
Tradition, oft mündlich, in den verschiedenen Ausformungen weitergegeben. Das Buch von
"Dao und De" wurde der legendären Figur des Laotse zugeschrieben - die dann zu
Zeiten des Wang Bi schon den Rang einer Gottheit innehatte - und zum "Klassiker"
erhoben. Wang Bi also schrieb den Text des Daodejing, so wie er ihm vielleicht durch
Bücherstudium, vielleicht durch Auswendiglernen bekannt war, noch einmal nieder und
setzte zu vielen Sentenzen des Textes eigene Erläuterungen hinzu. Das war eine für einen
Gelehrten seiner Tage nicht ungewöhnliche Beschäftigung und sicherlich nicht der erste
"Kommentar" zum Daodejing. Aber durch den Lauf der Zeit, durch die Berühmtheit
der Person des Wang Bi und vielleicht durch die außergewöhnliche Qualität seines
Kommentars, wurde diese Niederschrift späterhin zur Standardversion des Daodejing. Es
existieren zwar auch heute noch zum Teil wesentlich ältere Kommentare, aber keiner dieser
Texte ist sowohl vollständig erhalten als auch recht zweifelsfrei zu datieren. Aber auch
für den Kommentar des Wang Bi gilt wiederum, daß er innerhalb einer vielfältigen
Überlieferungslinie weitergegeben wurde. Deshalb kann heute davon ausgegangen werden,
daß selbst dieser aktuell in verschiedenen Ausgaben vorliegende Text nicht mit dem
wirklich von Wang Bi kommentierten Text identisch ist.
Vor diesem Hintergrund ist die
Bedeutung des Fundes der beiden Seidentexten als Niederschriften des Daodejing zu sehen.
Die beiden Texte unterscheiden sich voneinander hauptsächlich durch Schrifttyp und den
Zeitpunkt der Niederschrift. Der ältere der Texte ist noch im Stil der vor der Han-Zeit
benutzten kleinen Siegelschrift gehalten, der jüngere hingegen in der während der
Han-Zeit gebräuchlichen "Kanzleischrift". An manchen Stellen treten Sentenzen
in den Seidentexten hinzu oder fehlen dort, bisweilen werden Sentenzen auch in sich
umgestellt oder deren Reihenfolge untereinander vertauscht, jedes Kapitel ist jedoch mit
seinem Gegenstück im "Standardtext" des Wang Bi vergleichbar. Im einzelnen,
nicht zuletzt aufgrund der höheren grammatischen Präzision, scheinen mir die Seidentexte
oft schlüssiger als die späteren Versionen. Demnach läßt sich einerseits sagen, daß
der Text, wie ihn die Überlieferung zeigt, insgesamt dem Stand des frühen zweiten
Jahrhunderts v. Chr. noch sehr nahe ist. Der Vergleich der Textversionen beweist, daß das
Daodejing zuerst der gesprochenen Sprache verpflichtet war, nicht so sehr der
geschriebenen.
In seinem Frühstadium war das
Daodejing noch eine Ansammlung philosophischer Sprüche, deren Gestalt und Struktur
wichtiger waren als exakte Begrifflichkeit. In den späteren Kommentaren, zu einer Zeit,
da sich die Schriftkultur immer mehr verfestigte, hing vielleicht mehr am einzelnen Wort,
an einer bestimmten Auslegung. Aber zur Zeit der Niederschrift der Mawangdui-Manuskripte
dominierte die Ganzheit der Gestalt noch über das Detail. Das Daodejing hat weder einen
Autor noch einen "Urtext" in unserem Sinne. Die Übersetzung des Textes stützt
sich auf die vom Pekinger Wenwu-Verlag herausgegebene Ausgabe der Manuskripte von
Mawangdui. Da in den Seidentexten die Teile "Dao" und "De" in ihrer
Reihenfolge vertauscht sind, ändert sich in der Übersetzung notwendigerweise die
Numerierung der Kapitel."
(Aus der Einleitung von Hans-Georg Möller)
Diese wissenschaftliche Publikation gibt besonders in der
Einleitung interessante Hintergrundinformationen zum Daudejing und entwirft eine eigene
philosophische Interpretation des Werkes.
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