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"Die europäischen
Übersetzer haben den Begriff des Tao in sehr verschiedener Weise wiedergegeben, als
Weg, Geist, Raison, Sinn, Vernunft u.a.m. Manche Erklärer sehen in Tao den "Geist,
der über dem Wasser schwebt, Gott, Vater und Mutter aller Dinge", andere
glauben in Tao mit Rücksicht auf Kap.6 des Tao Te King mißverständlich das Urchaos oder
ein Urwesen, eine Wassergöttin, eine weibliche Gottheit, eine Göttinmutter, eine heilige
Kuh und ähnliches erkennen zu können. Wieder andere erblicken in Laotses
Nichtseinsbegriff indischen Einfluß und wollen Tao auf eine Sanskritform, das
unpersönliche tat "es" der Upanischaden zurückführen.
Demgegenüber glaube ich betonen zu
dürfen, daß Laotse in Tao wohl das vollkommenste, mit Vernunft und Freiheit des
Willens ausgestattete Wesen, den Schöpfer und Erhalter des Weltalls zu zeichnen gesucht
hat. Wenn wir uns über die Bedeutung des Wortes in seinen mannigfachen Möglichkeiten
klar geworden sind, werden wir das chinesische Zeichen am besten unübersetzt lassen und
das Wort "Tao" beibehalten, zumal es im Worte Taoismus bereits bei uns
eingebürgert ist.
Es gibt kein Mittel, das Wesen
Taos, das alle Eigenschaften der Vollkommenheit, aber auch alle Gegensätze in sich
vereinigt, zu bestimmen und zu definieren. Das ganze Tao Te King ist ja
eigentlich nur der Versuch, Tao Laotses Jüngern nahe zu bringen. Alles, was wir von ihm
aussagen können, ist, daß es unfaßbar, unbegreifbar ist, alles übrige betrifft nur
sein Wirken, seine Segnung sein "Te", das oft mit dem Worte Tugend
wiedergegeben wird, aber eine viel weitere und tiefere Bedeutung hat. Auf keinen Fall darf
Te mit dem konfuzianischen "Tugend-Begriff" gleichgesetzt werden.
"Te" bedeutet nach W. Rüdenberg (Chinesisch-deutsches Wörterbuch): rechter
Weg, Güte, Tugend, Eigenschaft, Wohltat, Segnung, Betragen, Wirken usw. Die Tugend
besteht nach Laotse in der Anpassung an Tao, der Teilnahme an seinem Wesen und Wirken.
"Te" hat also den doppelten Sinn von Wirken und Eigenschaft des Tao und
Tugendhandlung, Anpassung des Menschen an das göttliche Tao. "Tao" und
"Te" sind demnach nicht entgegengesetzt als in zwei verschiedenen Sphären
liegend, sie schließen einander nicht aus, sondern bilden zusammengehörige Begriffe.
Abkehr von der Welt der realen
Dinge, die widersprechende Eigenschaften zeigen, und Versenkung in das Geheimnis des
wahren und ewigen Tao, das ist nach Laotse Zweck und Ziel des "Berufenen", des
"Weisen", des "Heiligen". Der Weise zieht sich zurück von der Welt
der Gegensätze in ein Gebiet, wo es keine Gegensätzlichkeit mehr gibt. Im mystischen
Bewußtsein des "Einsseins mit der transzendenten Urkraft" wird für ihn die
Realität des Daseins gleichgültig.
Manche Stellen des Tao Te King
erinnern an die Mystiker des Mittelalters, aber Laotse ist nicht nur Mystiker, er ist auch
Philosoph, und vielleicht einer der größten Philosophen des Fernen Ostens
(....)
Wie Tao und Te
verschiedene Bedeutungen zulassen, so auch viele andere Wörter, besonders
jene mit abstrakter Bedeutung. Nicht nur das, auch ein und dasselbe
Schriftzeichen kann oft zugleich Substantiv, Adjektiv und Verbum, aktiv
und passiv in irgendeiner Zeitform oder einem Modus bedeuten. Selbst der Sinologe braucht sich
nicht zu schämen, wenn er offen gestehen muß, daß für ihn manche Kapitel des Tao Te
King nach Inhalt und Form schwer verständlich und daher fast unübersetzbar sind und in
verschiedenem Sinne, der sprachlich durchaus möglich ist, ausgelegt werden können, wie
z.B. die ersten Verse des ersten Kapitels des Tao Te King.
Aus diesen kurzen Darlegungen wird
hervorgehen, welchen Wert jene Übersetzungen haben, die ohne Kenntnis des chinesischen
Textes aus anderen Übersetzungen geformt wurden. ... R. Dvorak meint, das Buch des Laotse
sei ein Text, von dem "Vielleicht kein einziger Satz von allen Übersetzern gleich
verstanden, geschweige denn richtig übersetzt wird." ... F.E.A.Krause bemerkt:
"Alle unklaren, verschwommenen Gedanken finden ja heute den meisten Anklang und wo
von Mystik die Losung ist, muß man auch für Laotse und das Tao Te King
schwärmen, wenn man auch kein Wort davon versteht."
Möge vorliegende Übertragung, die
unter Vorlage mehrerer Texte und Ausgaben, u.a. der Commercial Press (Shanghai 1894 und
später), ferner des japanischen Kommentars von K. Uruyama (Tokio 1917) und des
koreanischen Kommentars von Pak Tschusus, sowie unter Vergleichung der besten, oben
genannten Übersetzungen entstanden ist, zur Besinnung und inneren Einkehr ermutigen!
Hauptwert wurde hierbei auf Verständlichkeit und klare Ausdrucksweise, sowie auf den
Umstand gelegt, daß das Tao Te King auch ein wertvolles poetisches Werk in metrischer,
aphoristischer Form ist.
(Aus dem Nachwort von Dr. Andre Eckardt)
Als Theologe unterlegt Eckardt den Text mit
christlicher Terminologie und bringt den Gottesbegriff ein. Im
Jahr 1956 gab der Verfasser eine überarbeitete 2. Auflage heraus.
Interessant ist auch der 1957 separat herausgegebene Kommentarband.
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