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     Ergo

1.   Die chinesische Legende


Laotses Leben

Einige Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung, als China noch nicht China war und sich allerlei Kleinstaaten in dieser Region nur gegenseitig heftig bekriegten, arbeitete am Hof des regierenden Königs von Zhou ein Geschichtsschreiber, dem die Aufgabe unterstand, alle Dokumente, die von offiziellen Stellen eingereicht wurden, getreulich zu kopieren und so die Annalen des Reiches zu führen. Das alles hätte eine Arbeit voller Muße sein können, doch die Zeiten waren chaotisch. Wie seit eh und je war der Arm des Menschen stärker entwickelt als sein Geist, und weil alle Kleinherrscher nach dem Königsthron schielten, so schlug man gar heftig aufeinander ein und dieser Abschnitt der chinesischen Geschichte trug seinen späteren Namen deshalb zurecht: Die Zeit der Streitenden Reiche. Es regnete Erlasse und Widerrufe, Friedensschlüsse und Kriegs- erklärungen und all diese Unterlagen bekam unser Archivar auf seinen Tisch - und ab und zu seufzte er sicherlich laut über das, was er da lesen musste. Doch dieser Archivar war ein besonders weiser Mann, das hatten all die Schriftrollen und alten beschriebenen Bambusstreifen bewirkt, mit denen er seine Tage verbrachte und in die er sich auch mit ganzer Hingabe vertiefte. Da die Archive des Staates Zhou auch allerlei Berichte aus grauer Vorzeit bargen, war er sehr wissbegierig zu erfahren, was sich dort an alter Weis- heit wohl finden ließ. Und während draußen die Welt schier unterging, verstrichen so für ihn die Jahre im Archiv und sein Haar wurde langsam schütter. Da wurde ihm eines Tages ein Gelehrter gemeldet, der ihn zu sprechen wünschte, denn der Ruf unseres ge- lehrten Archivars hatte sich im Laufe der Jahre schon zu Ruhm gewandelt, der bis weit in die Ferne drang. Und so erschien zu jenem Treffen der junge Konfuzius, und nachdem er den Älteren respektvoll begrüßt hatte, begann er sogleich mit Fragen über Sitten und Gebräuche und allerlei Zeremonien, denn das interessierte den Konfuzius sehr. Unser Weiser blickte ihn nur an - und seufzte. Was sollte er ihm sagen, diesem Bücher-Gelehrten, dem jede Einsicht in die wahren Zusammenhänge der Dinge abging und der meinte, man könne alles nur mit Vorschriften und Geboten regeln. Und da unser Archivar durch seine Tätigkeit jeden Glauben an den Erfolg der Diplomatie verloren hatte, beschloß er, dem Konfuzius eine ehrliche Antwort zu geben, und ihm ein bißchen den Kopf zu waschen. Konfuzius soll diese ganz anders als erwartete Belehrung mit großen Augen und hängendem Unterkiefer hingenommen haben und dann schnell aufgebrochen sein. Auf ein weiteres Treffen wurde beiderseits verzichtet - man hatte sich kennengelernt.
Wann sich die öffentlichen Zustände dann so sehr verschlimmerten, um unserem Weisen jeden Rest von Hoffnung zu rauben, ist nicht berichtet. Eines Tages erbat er jedenfalls seinen Abschied vom Hof des schwachen Königs von Zhou, schwang sich auf einen Wasserbüffel und machte sich auf gen Westen, um sich zurückzuziehen und in seinem Inneren das zu bewahren, was der Welt im Äußeren abhanden gekommen war: den Frieden. So erreichte er nach einiger Zeit den Grenzpaß des Reiches. Der Grenzwächter aber, der schon von weitem violette Wolken am Himmel gesehen hatte, erkannte darin das Nahen eines Heiligen und bat den Weisen, doch bitte nicht einfach so wortlos von dannen zu reiten, er möge doch ihm und der Nachwelt Ratschläge geben und Auskunft erteilen, zu welchen Einsichten er gekommen sei. Da seufzte der Weise ein weiteres Mal, nahm sich einen Pinsel und einen Tag Zeit und begann mit seinen Aufzeichnungen, bis ihm nach über fünftausend Schriftzeichen schließlich die Tusche ausging. Er teilte sein Werk in zwei Abschnitte, bestieg seinen Wasserbüffel und empfahl sich. Weit führte sein Weg nach Westen, hinauf in die Randgebirge Tibets und vielleicht auch wieder hinab in die Ebene des Ganges, wo zur gleichen Zeit ein junger indischer Prinz mit dem Leben und dessen Versuchungen rang. Doch das weiß heute keiner mehr so genau, auch nicht die Chinesen. Nur daß Laotse sehr alt geworden ist, da sind sich alle sicher.


Die Geschichte von Heshanggong
Am Ufer des Gelben Flusses lebte ein Einsiedler, den alle nur Heshanggong nannten, den "Herrn am Gelben Fluß". Er hatte sich eine einfache Strohhütte gebaut und widmete sich ganz den Worten des Tao und der Meditation. Auch der regierende Kaiser Han Wen Di war von den Sprüchen des Tao sehr angetan, aber so manchen verstand er leider nicht, und so hielt er Ausschau unter den Adeligen und Gelehrten seines Reiches, wer ihm die Sprüche des Tao erklären konnte. Durch Zufall hörte er von Heshanggong und dessen großer Vertrautheit mit der Lehre des Laotse. Er ließ sofort einen Boten los- schicken und Heshanggong fragen, was es mit diesem und jenem auf sich habe. Doch als Heshanggong das hörte, antwortete er nur: "Befolgt einfach Tao und Te - da gibt's nichts weiter zu fragen." Als der Kaiser das hörte, war er ziemlich ärgerlich, ließ sofort anspannen und begab sich selbst zu Heshanggong. Und barsch fuhr er ihn an: "Alles Land unter dem Himmel gehört dem Kaiser und auf diesem Landes gibt es niemanden, der nicht des Kaisers Untertan ist. Auch Du, mein weiser Freund, gehörst somit zu meinem Volke und bist von meiner Gnade abhängig. Und überhaupt: Wenn du so stolz und überheblich auftrittst, dann kannst Du vom Tao keine Ahnung haben!" Da klatschte Heshanggong nur in die Hände, setzte sich mit gekreuzten Beinen nieder und erhob sich sogleich wie eine Wolke ganz langsam etliche Fuß hoch in die Luft. Dann beugte er sich zum König herab und sagte: "Wie Du siehst, berühre ich Deinen Boden nicht - und so gehöre ich wohl auch nicht zu Deinem Volk. Wie kannst Du da mein Kaiser sein? Und von den menschlichen Bedürfnissen habe ich mich ebenfalls schon weit entfernt - was könntest Du mir wohl noch geben!" Da endlich fiel es dem Kaiser wie Schuppen von den Augen, daß Heshanggong ein Unsterblicher war. Er verließ seinen Wagen, verneigte sich tief vor ihm und bereute seine hochfahrenden Worte. Eine ganze Weile stand er so da und gestand ein, daß er doch wenig von den wirklichen Dingen verstehe, obgleich er der Kaiser wäre. Und als er so dastand und Heshanggong merkte, daß er es ehrlich meinte, erbarmte er sich und führte den Kaiser in die Lehren des Tao ein. Zum Abschied übergab er dem Kaiser dann eine Aufzeichnung zum Tao und Te, die er selber in 81 Sprüche und zwei Bücher eingeteilt und Satz für Satz kommentiert hatte. Der Kaiser nahm sie kniend entgegen. Und manch einer sagt, jener Heshanggong sei in Wirklich- keit der alte weise Geschichtsschreiber des Staates Zhou gewesen.

  

2.   Die alten chinesischen Quellen

Der erste historisch verbürgte Bericht, der Angaben über das Leben des Laotse bietet, stammt von dem berühmten chinesischen Geschichtsschreiben Sima Qian, der in den Jahren 145-79 vor Beginn unserer Zeitrechnung lebte und in seinen "Historischen Aufzeich- nungen" (shi ji) um 104 v.d.Z. das Wissen der damaligen Zeit verewigte:

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"(Laotse) wurde im Königreich (Chu) geboren, im Kreis (Ku), in der Gemeinde (Li), im Dorf (Qu Ren). Sein Sippenname war (Li), sein Vorname (Er), sein persönlicher Name (Dan). Er war Archivar am Königshof der Zhou. Als Konfuzius einst nach Zhou ging, um Laotse über Riten und Brauchtum zu befragen, antwortete ihm dieser: "Die Knochen der Menschen, von denen Du sprichst, sind zwar längst zerfallen, doch ihre Aussprüche kursieren immer noch. Ein Weiser tritt zur rechten Zeit an die Öffentlichkeit, ansonsten hält er sich zurück. Kluge Kaufleute, so heißt es, würden von ihren Geschäften nichts erzählen und wirklich Gelehrte verhalten sich so, als wären sie ungebildet. Du, mein Lieber, solltest Deine Überheblichkeit und Dein Streben überwinden, zuviel Temperament und zuviel Ehrgeiz sind immer schlecht. Das ist alles, was ich Dir sagen kann." Konfuzius sprach später zu seinen Schülern: "Ich weiß, daß Vögel fliegen, daß Fische schwimmen und Wild laufen kann. Und was rennt, kann man zusammentreiben, was schwimmt, ist mit Netzen zu fangen und für das was fliegt, kann man Pfeile benutzen. Was aber den Drachen betrifft, der auf Wind und Wolken reitet, so weiß ich nicht, wie ich ihn erfassen soll. Ich habe heute Laotse gesehen  - und wahrlich: Er gleicht diesem Drachen!"
          Laotse widmete sich dem Tao und dem Te und seine Lehre handelt von Zurückhaltung und Bescheidenheit. Er verbrachte lange Zeit im König- reich Zhou und hat den Niedergang von Zhou mitverfolgt. Daraufhin ging er. Als er den Grenzpaß Han-Gu erreichte, sagte der Grenzwächter Xi "Bevor ihr geht, hinterlasst uns doch bitte etwas Schriftliches." Daraufhin schrieb Laotse ein Buch in zwei Abschnitten, das von Tao und Te handelt und rund fünftausend Schriftzeichen lang ist. Dann zog er von dannen und niemand weiß, wo er sein Leben beschloß.
          Laotse soll gut hundertsechzig Jahre alt geworden sein - manche sprechen sogar von über zweihundert. Ein so hohes Alter habe er durch die Vervollkommnung im Tao erreicht. 129 Jahre nach dem Tod des Konfuzius steht in den Geschichtsbüchern verzeichnet, daß ein Geschichtsschreiber des Königshofes von Zhou namens Tai Shi Dan mit dem Fürsten von Qín zusammentraf und ihm prophezeite: "Erst war Qin mit Zhou vereint. Nach 500 Jahren trennten sie sich. Nach 70 Jahren der Trennung wird hier ein neuer mächtiger Herrscher erscheinen." Manche behaupten, dieser Tai Shi Dan sei Laotse gewesen, andere wieder bestreiten es. Niemand weiß, wie es wirklich war. Auch ein Lao Lai Zi, so wird gesagt, soll Zeitgenosse des Konfuzius gewesen sein und ein Buch mit fünfzehn Abschnitten über die Lehren der Schule des Tao geschrieben haben.
          Laotse war ein wahrer Weiser und lebte sehr zurückgezogen. Sein Sohn hieß Zong. Zong war ein Offizier im Staate Wei und bekam ein Lehen in Duangan. Zongs Sohn war Zhu, Zhus Sohn hieß Gong und Gongs Urenkel war Jia. Jia diente unter dem Han-Kaiser Xiao Wén. Jias Sohn Jie wurde Lehrer des Jiaoxi-Königs namens Ang, deshalb wohnte er in .
Die Anhänger von Laotse lehnten die Konfuzianer ab; die Konfuzianer widerum bekämpfen die Anhänger von Laotse. 'Wenn man sich nicht versteht, geht jeder am besten getrennte Weg', sagt das Sprichwort. Ob sich das wohl von diesen beiden Lehren ableitet? Laotse galt als sehr bescheiden, blieb immer gelassen und praktizierte so das ideale Verhalten."

Selbst Sima Qian war sich aber schon zu seiner Zeit nicht mehr sicher, was er von all den unterschiedlichen Legenden über Laotses Leben halten sollte und so räumt er bei seinen Aufzeichnungen gleich ein, daß das Berichtete nur vage sei und nicht einmal ein Geburtsdatum von Laotse verbürgt werden könne.

  

3.    Die Jesuiten

Sie kommen ab der Mitte des 17. Jahrhunderts ins Spiel und zwar in recht stattlicher Zahl. Als erste westliche Gelehrte treten sie für längere Zeit mit dem noch jungen chinesischen Kaiserhof der Mandschu und den dortigen gelehrten Kreisen in Kontakt, so daß ein zaghafter kultureller Austausch und ein erstes Eindringen in die chinesische Gedankenwelt möglich wird. Sie hören von der Staatslehre des Konfuzius und bringen auch erste Kunde von Laotse nach Europa, in Form einer kleinen Schrift, die die Lehre jenes alten Weisen zusammenfasst und sich ungefähr "dau de dsching" ausspricht. Sein Inhalt ist schwer verständlich und bereitet den Missionaren erhebliches Kopfzerbrechen. Als ihre Geldgeber in Europa schon am Sinn und Zweck der erfolglosen kirchlichen Missionsarbeit in China zu zweifeln beginnen und die finanziellen Mittel drastisch kürzen, erstellen die Jesuiten in Peking mehrere Übersetzungen jenes "dau de dsching" - und stoßen dabei (welch Zufall!) auf drei Schriftzeichen, die man (mit viel Phantasie und gutem Willen ...) lautlich als JEHOVA, den zentralen christlichen Gottesbegriff, aussprechen kann. Da sind die Jesuiten natürlich sehr angetan und berichten ihre Entdeckung noch schnell nach Europa. Doch Ihr Orden wird 1773 endgültig aufgelöst. Im Nachhinein gelangt eine der handschriftlichen Übersetzungen 1788 an die Londoner Royal Society. Damit macht das "dau de dsching" den ersten Schritt nach Westen, der zu einem Triumphzug werden wird.

  

4.   Die ersten europäischen Übersetzer

In französischen Wörterbüchern des 18. Jahrhundert erscheint unser chinesischer Weiser deshalb so, wie ihn die westlichen Missionare in China anfangs sehen, als "Urvater einer Secte von Gauklern, Schwarzkünstlern und Sterndeutern, die den Unsterblichkeitstrank und die Mittel suchten, sich in die Lüfte zu erheben". Was wohl gar nicht so weit daneben lag, wenn man die Praktiken des Volkstaoismus zur damaligen Zeit in China betrachtet. Immerhin erhält unser Weiser mit Lao-Tseu seinen ersten westlichen Namen. 1823 ist das Datum, an dem der erste Europäer auftritt, der das kleine Lehrbuch der Taoisten im Originaltext zu lesen vermag und der deshalb als Begründer der europäischen Sinologie bezeichnet werden kann: Abel Rémusat. Die erste vollständige Übersetzung erstellt dann Stanislas Julien 1842. Im neu geschaffenen deutschen Kaiserreich sind es 1870 schließlich Victor von Strauss und Reinhold von Plänckner, die im selben Jahr jeweils eine eigene Übersetzung ins Deutsche vorlegen. Ihre Landsleute erfahren nun erstmals:

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Lao-tse war Geschichtsschreiber der Archive des Tscheu-Staates, stammt aus dem Lehnstaat Thsu, im Kreis Khu, des Bezirks Lâi aus dem Dorf Khîo-sjîn. Sein Sippenname war Li (Pflaumenbaum), der Geburtsname Öll (Ohr), der Erwachsenenname Pe-jang (Leuchte der Älteren) und der spätere Ehren- name Tan. Man erkennt nun, daß der Name Lao-tse weniger wortwörtlich, sondern vielmehr als Ehrentitel in der Bedeutung von "Alter Weiser" aufzu- fassen ist. Sein Geburtsdatum wird aus dem Geburtsdatum des Konfuzius und ihrem gemeinsamen Treffen geschlußfolgert und ergibt das 3. Jahr der Regierung des Kaisers Ting-wang - somit das Jahr 604 vor Beginn unserer Zeitrechnung. Der Grenzwächter erhält die Schreibweise Hi und den Grenz- paß Hán-kü-kuan lokalisiert man als einen befestigten Engpass an der Ost- grenze des Tscheu-Staates, woraus sich ergibt, daß Lao-tse mit seinem Grenzübertritt nicht das damalige Chinesische Reich Richtung Tibet verließ, sondern lediglich die Provinzgrenze (des heutigen Honan) überschritt. Und da Tscheu geografisch ziemlich zentral im heutigen China befand, zog Laotse somit lediglich in eine weiter westlich gelegene Provinz.

Victor von Strauss geht sogar noch weiter und läßt offen, ob Lao-tse seine Reise nach Westen nicht eher in frühen Lebensjahren angetreten haben könnte, so daß mancher Gedanke des Tao Te King durch persisches Gedankengut inspiriert sein könnte, z.B. jener versteckte Hinweis auf "Jehovah" im 14. Kapitel. Den Bericht des Historikers Sse-ma-thsian sieht er als verbindlich an, da diesem ja die Nachkommen des Lao-tse in 7. Generation als Zeitzeugen zur Verfügung standen. An Werk und Person des Lao-tse besteht somit kein Zweifel.

  

5.   Der Wissensstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Die ersten Übersetzungsversuche des TaoTeKing sind ganz geprägt von einer westlich-christlichen Sicht, mit der die Philologen seine Begriffe und Werte zu erfassen versuchen. Zur Zeit der Weimarer Republik kann man in deutschen Publikationen hierzu lesen:

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Lao-tsi (bzw. Laotse, Lao-tse oder Lao-Tse) war Geschichtsschreiber oder Reichsarchivar im Staate Ceu (oder Tscheou oder Tschöu), stammt aus dem Lehnstaat Tshu (oder Thsou), im Kreis Khu (oder Khou), des Bezirks Li (oder Lai), aus dem Dorf Kiok-zin (bzw. Khio-sjin). Sein Sippenname war Li (da sind sich mal alle einig), der Geburtsname Ri (Er oder Erl), der Erwachsenenname Pek-yang (Be Yang, Pe-Yang oder Po-yang) und der spätere Ehrenname Tan (oder Lao Dan). Den Grenzwächter schreibt man nun YinHi (welch Einigkeit!), den Grenzpaß Han Gu (dto.) und dem Ssi-ma-tshien (Si Ma Tsien, Sse Ma Tsien bzw. Sze-ma-chien - genau ...) wird summa summarum zugestimmt. Man kon- kretisiert Laotses Wirkungsstätte noch mit 'Loyang', der alten Königsstadt am Gelben Fluß. 

Zum ersten Mal setzt sich unter den Sinologen auch die Meinung durch, daß die berühmte überlieferte Texteinteilung des TaoTeKing in 81 Kapitel erst viel später erfolgte und somit auch deren Überschriften nicht authentisch sein können. Überhaupt fällt es erst jetzt richtig auf, daß in den Werken des Konfuzius der Name eines Laotse nie erwähnt wird. Und auch bei den Schülern von Konfuzius bzw. sogar bei Dschuangdse (dem redegewandten Nachfolger des Laotse) ist nie von schriftlichen Aufzeichnungen des Laotse die Rede! Das ist eine erstaunliche Erkenntnis, ebenso, daß der Begriff des 'Tao Te King' erst durch den späteren Han-Kaiser Han Ging Di (156-140 v.u.Z.) erstmalig eingeführt wurde. Man geht nun sogar so weit und fragt sich, ob Laotse das TaoTeKing überhaupt als Vermächtnis für andere schrieb, oder ob hier nicht nur ein großer Geist seine gewonnenen Einsichten für sich selber zusammenfasste - eine Gedankensammlung, seiner Zeit weit voraus, die den Menschen damals aber unverständlich bleiben musste. 

  

6.   Der Wissensstand Mitte des 20. Jahrhunderts

Langsam trennt sich die Spreu vom Weizen, das Fachwissen wächst und die Methoden werden systematischer. Die Geschichtsforschung kommt nicht nur zu neuen, sondern auch zu ebenso unterschiedlichen Ergebnissen (wie das ja oft so der Fall ist). In den bundesrepublikanischen Publikationen zum Tao Te King heißt es nun:

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Lau-dse (bzw. Laotse, Lao-Tse oder Laudse) war Schriftgelehrter und Bibliothekar im Staate Dschou (oder Dshou), stammt aus dem Lehnstaat Tschu, im Kreis Ku, des Bezirks Li, aus dem Dorf Kü-jen an der Nord- grenze des alten Staates Tschu. Sein Sippenname war Li (Einigkeit nach wie vor), der Geburtsname Ürh (oder Öl), der Erwachsenenname Bei-Yang (Strahlende Sonne) und der spätere Ehrenname Lao Dan. Ein Übersetzer meint diesmal, Laotse aus einer "alten und kultivierten Familie" stammen lassen zu können (eine relativ ungefährliche Behauptung, da andere sowieso keine Chance auf Wissen und Ausbildung hatten). Beim Geburtsdatum herrscht Uneinigkeit: Die klassische Fraktion hält aus Prinzip am Jahr 604 v.u.Z. fest, andere Forscher ziehen das Jahr 571 v.d.Z. in Erwägung, halten 480-400 v.u.Z. für eine realistische Lebensspanne oder ordnen Laotse sogar dem 3. vorchristlichen Jahrhundert zu - was aber die Legende des Treffens mit Konfuzius völlig zum Einsturz brächte.
          Auch die Recherchen zur Gestalt des Grenzwächters Hi fördern Neues zutage. So stellt sich heraus, daß es im Altertum einen Philosophen Guan Yin (Vorname Hi) gab. Dem Historiker Si-ma Tschien (bzw. Szema Thschien, Se-ma Tsiän, Sse-ma Tchiän ....) lastet die Forschung nun an, er habe die Schriftzeichen Guan und Yin nicht als Namen erkannt, sondern Guan in seiner Zweitbedeutung 'Grenze' interpretierte und daraufhin eigenmächtig die Silbe ling einfügte, was als guan ling yin dann die neue Bedeutung 'Grenzwächter' ergab. Das Schriftzeichen Hi, eigentlich der Vorname, wurde dadurch in einen Familiennamen umgedeutet. Das passte jetzt alles sehr gut zur Legende - führte aber alle späteren Generationen völlig in die Irre. Laotse gab seinen Text also in Wirklichkeit nicht einem Grenzwächter sondern reichte ihn vielmehr an seinen Schüler Guan Yin als Vermächtnis weiter. 

In Fachkreisen tauchen auch gänzlich neue Überlegungen auf: Da der Schriftstil des überlieferten Texts für das 4. oder 5. Jahrhundert v.u.Z. viel zu modern ist, könnten die überlieferten Sprüche durch Laotses Schüler im 3. Jhr. v.u.Z. niedergeschrieben worden sein. Gedanklicher Ursprung und erste schriftliche Fixierung würden somit aus verschiedenen Jahrhunderten stammen und damit diesen Widerspruch erklären. Es werden sogar Stimmen laut, ob die Spruchsammlung des TaoTeKing nicht überhaupt erst aus dem Werk des Dschuangdse heraus gebildet wurde, unter Hinzufügung von allgemeinen Volksweisheiten: Denn bei Dschuangdse wird weder Laotse noch der Namen des TaoTeKing erwähnt, was völlig unverständlich ist, wenn sich Dschuangdse als Laotses Schüler gesehen hätte.

  

7.   Der aktuelle Stand der Forschung

Ein unergründliches Dunkel schwebte also über der Entstehungsgeschichte des Tao Te King und bot allen Spekulationen reichlich Raum. Doch 1973 kommt Bewegung in die Laotse-Forschung. In der chinesischen Provinz Hunan wird nahe der Stadt Mawangdui eine ausgedehnte Grabanlage von Adeligen und Königen aus der Han-Zeit entdeckt. In einem der geöffneten Gräber finden sich zwei auf Seidenstoff geschriebene Ausgaben des TaoTeKing. Ihre Datierung (um 200 v.u.Z.) sowie der Zustand der Texte lassen ganz neue Schlußfolgerungen zu. 1993 werden dann in einem anderen Grab in der Nähe von Guodian, Hubei, noch ältere TaoTeKing-Schriftstücke gefunden, auf Bambusstreifen geschrieben, die diesmal der Zeit um 300 v.u.Z. zugeordnet werden können.
          Zwischenzeitlich hat sich außerdem die Schreibweise des Pinyin als offizielle international gültige Lautumschrift der chinesischen Schriftzeichen durchgesetzt. 'Laotse' wird nun Laozi geschrieben, das 'Tao Te King' zu Daodejing und der gute Konfuzius mit Kongzi wiedergegeben.
          Die Geschichte des Laozie und des Daodejing bietet nun gänzlich andere Deutungsmöglichkeiten - und wartet so mit einer sensationellen Überraschung auf!
Und wie möchten Sie das jetzt gerne lesen:
                                        => chronologisch dargestellt oder
                                        => in Erzählform oder
                                        => thematisch strukturiert ?

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Chronologischer Abriß
Um 1100 v.u.Z. - Aus dem Westen dringen Volksstämme mit persischem Kulturgut und patriarchalischer Gesellschaftsordnung nach China ein, unterwerfen die Shang-Dynastie (Thai) und gründen die Zhou-Dynastie.
Ab 770 v.u.Z. - Das Reich der Zhou zerfällt zusehens in 16 einzelne Teilstaaten, die alle um die Vorherrschaft kämpfen. Parallel dazu entwickeln Philosophen vielerlei Theorien zur Staatsführung, die sogenannten "Hundert Schulen".
551-479 v.u.Z. - Lebenszeit des Konfuzius (Kongzi). Seine Staatslehre wird sich in China langfristig durchsetzen. Die Nachfolger des Kongzi schmücken die Lebensgeschichte ihres Meisters später mit fiktiven Lehrern aus, darunter auch einen namens Dan.
378 v.u.Z.
   
    


     

 

   
372-289 v.u.Z.
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Die Annalen erwähnen einen Hofastrologen und Geschichtsschreiber Tai Shi Dan, der den Fürsten des Nachbarstaates Qin besucht und ihm prophezeit, daß der augenblickliche Staat Zhou untergehen und danach ein mächtiger neuer Herrscher aus Qin kommen wird. Neben der Lehre des Konfizius bildet sich auch eine Schule der "Geschichtsschreiber-Philosophen".
Die Annalen erwähnen außerdem kurz einen Philosophen Guan Yin Xi in Zusammenhang mit einer unbekannten philosophischen Schrift.
Lebenszeit des Menzius (Mengzi), berühmtester Schüler des Kongzi.
369-286 v.u.Z.




 

Um 300 v.u.Z.
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Lebenszeit des Dschuangdse (Zhuangzi); seine Gedanken sind sehr originell und stehen für die Sicht der sogenannten "Eremiten-Philosophen". Zusammen mit den "Geschichtsschreiber-Philosophen" bilden sie die zweitstärkste geistige Strömung ihrer Zeit: Die sogenannten "Naturphilosophen" (später "Taoisten" genannt).
Einem Grab in der heutigen chinesischen Provinz Hubei werden Texte beigelegt ("Bambusstreifen-Texte"), die schon die spätere Form des Daodejing aufweisen.
280-233 v.u.Z. - Der Philosoph Hanfeizi zitiert Texte der Natur- philosophen, die sich auch in der späteren Text- sammlung des Daodejing finden werden.
Ab 250 v.u.Z. - Die Nachfolger Zhuangzis erfinden einen Gründer der naturphilosophischen (später: taoistischen) Schule, nennen ihn bewußt Lao Dan ("Meister Dan") und machen so jenen fiktiven Dan der Konfuzianer zu einem älteren Lehrer des Kongzi. In das Werk des Zhuangzi werden jetzt nachträglich neue Kapitel eingefügt, die vom Treffen des Kongzi und des Lao Dan berichten. Die mittlerweile niedergeschriebene Lehrtextsammlung der Naturphilosophen wird nun als Werk jenes Lao Dan ausgegeben. Sie trägt aber noch nicht den Namen Daodejing. Anstelle des Namens Lao Dan wird nun auch die respektvollere Bezeichnung Lao Tse / Laozi ("Alter Meister") eingeführt. Die Anhänger dieser Lehre nennen sich nun "Laoisten" (die Bezeichnung "Taoisten" ist noch nicht in Gebrauch).
221 v.u.Z. - Der Teilstaat Qin stürzt die Zhou-Dynastie und als erster chinesischer Kaiser regiert der Despot Qin Shi Huang Di ("Erster Kaiser von Qin"). Die Laoisten entwerfen die Legende, daß Laozi jener Geschichtsschreiber und Astrologe Tai Shi Dan am Hofe der Zhou war, der schon 157 Jahre zuvor den Sieg des neuen Qin-Kaisers vorausgesagt hatte; außerdem besitze Laozi das Geheimnis der Langlebigkeit.
213 v.u.Z. - Um jeden geistigen Widerstand zu brechen, läßt der Qin-Kaiser die meisten philosophischen Schriften verbrennen und alle unbequemen Widersacher hinrichten. Die naturphilosophischen Schriften entgehen der Verbrenn- ung. 
206 v.u.Z. - Der Qin-Kaiser wird gestürzt und die neue Han-Dynastie kommt an die Macht. Die Laoisten ändern die Legende des Laozi und heben bei der historische Gestalt des Tai Shi Dan nun rein auf seine Tätigkeit als Geschichtsschreiber ab. Man entwirft hierfür einen neuen Familien-Stammbaum, der nach Honan, in die Ur-Heimat der neuen Han-Kaiser, zurückführt. Auch jetzt trägt das angebliche Werk des Laozi noch nicht den Namen Daodejing.
Ca. 168 v.u.Z.


Um 16o v.u.Z.
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Dem Grab eines Han-Adeligen werden zwei auf Seidenstoff geschriebene Texte der laoistischen Schule beigegeben (Mawangdui-Texte).
Von unbekannter Hand wird eine Textversion der naturphilosophischen Lehrspruchsammlung mit Kom- mentar niedergeschrieben, die man später der Person des He Shang Gong zuschreibt. Dieser Text wird der Nachwelt überliefert und soll dem Han-Kaiser Wen ausgehändigt worden sein.
145-79 v.u.Z.


ca. 50-150
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Lebenszeit des Großhistorikers Sima Qian. Er kann nur die mittlerweile landläufige Legende des Laozi in seine Annalen aufnehmen, meldet aber schon Zweifel an.
Erst gegen Ende der Han-Zeit führt die laoistische Schule für den angeblichen Text des Laotzi die Bezeichnung Daodejing ein ("Der Klassiker von Dao und De")! Die Anhänger nennen sich von nun an "Taoisten".
Um 246 - Der Gelehrte Wang Bi erstellt die erste datierte Textversion des Daodejing und versieht sie mit einem eigenen Kommentar, die von allen chinesischen Gelehrten in der Folgezeit als Standard-Version und Richtmaß angesehen wird.
Ab 250 - Die taoistische Schule wandelt sich im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr zu einer religiösen Sekte, mit Klerus, Heiligen und Geisterbeschwörung. An ihrer Spitze steht Laozi, als Gott verehrt. Der philosophische Taoismus spielt eine untergeordnete Rolle. Aus Gründen der Zahlenmystik wird der Text in 81 Kapitel eingeteilt (3x3x3x3) und die Länge des Textes auf knapp 5000 Schriftzeichen zusammengestrichen, um der Legende möglichst zu entsprechen. Der Taoismus erreichte in der Tang-Dynastie (618-907) seinen Höhepunkt, als Laozi zum Urahn des Kaisers erhoben wird und damit höchste Anerkennung erfährt.
1949


1995
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Mit der Ausrufung der Volksrepublik China wird jegliche Religionsausübung untersagt und der Taoismus gilt als konterrevolutionäres Gedankengut.
Ein von der chinesischen Regierung offiziell gebilligter und geförderter chinesisch-deutscher Fachkongreß in Xian zum Stand der Laozi-Forschung, wird unter Fachleuten als gewußtes Zeichen der chinesischen Führung gewertet, den Taoismus nun wieder als eine nichtreligiöse Philosophie mit stark nationalem Charakter zu fördern.

 

Die Geschichte von Laozi und dem Daodejing
    
Im 11. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung vollzieht sich in China ein Umbruch. Die Thai-Volksgruppen, die das Land dünn besiedeln, werden durch hereinbrechende persische Völkerstämme verdrängt, die im Bereich des Gelben Flusses die neue Zhou-Dynastie gründen. Hauptstadt dieses neuen Reiches wird Loyang. Die anfängliche Einheit zerbricht nach einigen Jahrhunderten in 16 Teilstaaten, die alle nach der Herrschaft drängen und sich wilde Schlachten liefern. Parallel dazu beginnt ein Nachsinnen unter den Gelehrten, wie ein Herrscher wohl am besten regieren sollte - die Überlegungen reichen von sehr enthaltsamen Vorschlägen bis hin zu recht brachialen - und sind so vielgestaltig, daß die Geschichtsschreibung später von den "Hundert Schulen" spricht.
          Im Jahr 551 v.u.Z. wird dann Kongzi geboren, im Westen besser bekannt unter seinem latinisierten Namen "Konfuzius". Obwohl sich seine streng patriarchalische Lehre nach seinem Tode in ganz China verbreiten und langfristig über alle Kaiserdynastien hinweg als gültige Staatsmaxime durchsetzen wird, kann er zu Lebzeiten noch keinen der Teilherrscher von seinen Idealen überzeugen. Nachdem er längere Zeit erfolglos lehrend durchs Land gezogen ist, beginnen seine Nachfolger mit den schriftlichen Aufzeichnungen der "Gespräche des Konfuzius" und nehmen als Ausschmückung noch ein paar fiktive Lehrer in die Vita auf, um Kongzis Wissbegier und Lerneifer zu unterstreichen. Einen dieser Lehrer benennt man völlig willkürlich Lao Dan, den "alten Dan", der nicht als Taoist dargestellt wird und von Kongzi auch nur zu einem kleinen Teilbereich der Riten befragt wird. Berühmtester Schüler des Kongzi wird in der Folgezeit Mengzi (Menzius).
          Jahrzehnte vergehen. 379 v.u.Z. vermerken die Annalen die Prophezeihung eines Geschichtsschreibers und Astrologen Tai Shi Dan am Hof des Zhou-Königs, der voraussagt, das augenblickliche Reich der Zhou würde bald untergehen und ein neuer Herrscher aus dem Staate Qin würde an die Macht gelangen. Auch ein Philosoph namens Guan Yin Xi wird in den Annalen kurz erwähnt und mit ihm eine philosophische Schrift, die aber verlorenging. 369 v.u.Z. wird dann Dschuangdse (Zhuangzi) geboren. Er zählt zu den "Eremiten-Philosophen" und entwickelt sich zu einem äußerst redegewandten Vertreter dieser Richtung, der jedem vernunftbegabten Menschen den völligen Rückzug aus dem chaotischen öffentlichen Leben empfiehlt und seine Lehre mit dem kursierenden philosophischen Begriff des Tao so gut formuliert, daß sich um ihn herum eine eigene Schule bildet. Der Name Lao Dan fällt in seinen Schriften ein einziges Mal nebenbei; die Figur ist so nebensächlich, daß er nicht weiter auf sie eingeht. Eine andere philosophische Strömung dieser Zeit bilden die "Geschichtsschreiber-Philosophen", die durch ihre angesehene Tätigkeit ebenfalls Einfluß auf Politik und Gesellschaft nehmen. Da sich beide Schulen auf den zentralen Begriff des Tao stützen, werden sie in der Regel mit der Bezeichnung "Naturphilosophen" zusammengefasst.
          Während sich die philosophischen Auseinandersetzungen in der unruhigen Zeit der "Streitenden Reiche" (bis 221 v.u.Z.) mehr und mehr zuspitzen, kristallisieren sich sechs "Schulen" als führende Lehrmeinungen heraus; nach den Konfuzianern bilden die "Naturphilosophen" (später Taoisten genannt) die zweitstärkste Fraktion. Ganz im Gegensatz zum Inhalt ihrer uneigennützigen Lehre wurmt es sie doch gewaltig, hinter den Konfuzianern zurückzustehen, und sie ersinnen einen recht pfiffigen, wenngleich aber unfeinen Trick, um das Blatt zu wenden: Sie erfinden die Gestalt eines Gelehrten, der ihre Schule vor langer Zeit gründete, ihren geistigen Urahn - und personifizieren ihn mit einem jener Namen, den die konfuzianischen Schriften dereinst als Lehrer des Konfuzius erwähnten: Lao Dan! Um diese neue Version historisch besser zu verankern, fügen sie in die Aufzeichnungen ihres bereits verstorbenen Lehrers Zhuangzi mehrfach den Namen Lao Dan ein und fügen Passagen über dessen Treffen mit Kongzi hinzu - was die konfuzianische Fraktion nun schwer in Bedrängnis bringt, denn der von ihnen selbst zitierte Lao Dan wird so plötzlich zum Lehrmeister des Kongzi (und nach chinesischer Wertevorstellung damit ehrwürdiger als Kongzi). Ab 250 v.u.Z. wird die bisherige Spruchsammlung der "Naturphilosophen" dann als das Werk des Lao Dan ausgegeben. Lao Dan wird zum Weisen erklärt, seine Anhänger bezeichnen sich fortan als "Laoisten".
          221 v.u.Z. kommt das Jahr, in dem die Zhou-Dynastie tatsächlich zusammenbricht und der Führer des Teilstaats Qin die Vorherrschaft erringt. Mit einem zentralisierten Regierungssystem legt er den Grundstein für alle späteren Kaiser-Dynastien und ruft sich selbst zum ersten Kaiser aus: Qin Shi Huang Di ("Erster Kaiser von Qin"). Äußerst suspekt ist ihm jede Form von Philosophie und freiem Geist, die seinem despotischen Herrschaftsanspruch entgegenstehen. Nicht nur die Laoisten kommen da in arge Bedrängnis, aber sie wissen sich zu helfen: Ihr Herr und Meister Lao Dan, so sagen sie, wäre doch jener Hofastrologe gewesen, der 157 Jahre zuvor dem Fürsten von Qin in einer Prophezeiung schon den baldigen Sieg über Zhou vorausgesagt hätte. Und - so werden sie mit einem vielsagenden Blick noch hinzugefügt haben - ihr Ahnherr Lao Dan habe auch das Geheimnisses der Langlebigkeit entdeckt! Um nun aber nicht in Erklärungsnöte zu kommen, wo sich ihr langlebiger Lao Dan denn im Augenblick befinde, fügen die Laoisten schnell Lao Dans Reise gen Westen ein: Lao Dan sei von Zhou ins westlich gelegene Qin gereist, um dem Landesfürsten noch seine Lehrschrift zu bringen, und dann weiter Richtung Tibet gezogen. In Klausur sozusagen. Die Erklärung verfängt und die Aussicht auf ein 'Elexier der Unsterblichkeit' stimmt den neuen Kaiser gnädig. Als er 212 v.u.Z. eine große Bücherverbrennung befiehlt und dazu auch gleich alle unbequemen Widersacher hinrichten läßt, bleiben die laoistischen Schriften verschont.
          Doch nichts ist beständig außer dem Wandel. Der Despot zahlt schon im 15. Regierungsjahr mit seinem Tod dafür, das ganze Volk unter seine Knute gezwungen zu haben. Die Han-Dynastie kommt 206 v.d.Z. an die Macht - und mit ihr das zwingende Bedürfnis bei den Laoisten, sich und ihren Meister vom guten Einvernehmen mit dem Qin-Kaiser zu distanzieren. Die Laoisten modifizieren deshalb die Lao Dan-Legende dergestalt, daß sie den kompromettierenden Hofastrologen mitsamt Prophezeiung kurzerhand eliminieren und Lao Dan nur als normalen Geschichtsschreiber Tai Shi Dan darstellen, der auch gleich eine umfang- reiche neue Genealogie mit der Sippe Li erhält. Er trägt nun den persönlichen Namen Er, kommt aus dem dem Dorf Qu Ren, im Bezirk Li, Kreis Ku des Lehnstaats Chu - "zufällig" also genau aus jenem Gebiet, aus dem auch die Herrscher des neuen Kaiserhauses stammen. "Somit also ein alter Landsmann!" - werden die Taoisten da mit unschuldiger Miene angemerkt haben. Doch was ist mit jener unseligen Reise zum Fürsten von Qin, die leider nicht mehr aus der Überlieferung zu tilgen ist? Auch da findet sich die passende Lösung! Lao Dans Reise gen Westen geht nun Richtung Tibet (der Staat Qin wird einfach übersprungen) und der historische Philosoph Guan Yin Xi ist ideal, um ihn zum Grenzbeamten des Staates Zhou zu machen (denn das Schriftzeichen Guan hat auch noch die Nebenbedeutung von "Wächter"). Da die Annalen außerdem vage berichten, jener Guan Yin Xi sei für ein leider verlorengegangenes philosophisches Werk bekannt gewesen, passt das ganz ideal zur neuen Geschichte: Guan Yin Xi's Werk sei also in Wahrheit nur die als Gastgeschenk von Lao Dan empfangene Lehrspruchsammlung.
          Die laoistischen Lehrtexte haben im 3. Jhr. v.u.Z. schon weitestge- hend ihre spätere Endform angenommen, tragen aber noch keinen speziellen Namen. Die Anhänger nennen sich mittlerweile "Taoisten" und man hat den Name Lao Dan durch die respektvollere Bezeichnung Laozi ("Alter Meister") ersetzt. Als der berühmte Großhistoriker Sima Qian um 110 v.u.Z. mit seinen biographischen Aufzeichnungen beginnt und in Kapitel 63 schließlich auf einen gewissen Laozi zu sprechen kommt, kann er sich nur auf das stützen, was die Überlieferungen seiner Zeit berichten. Durch seine erstmalige Aufzeichnung der chinesischen Frühgeschichte gewinnt die Laozi-Legende an Realität und wird zum kulturellen Bestandteil für alle nachfolgenden Generationen. Und Sima Qian scheint auch noch selber zur späteren Verwirrung beigetragen zu haben: Er mißversteht die Namensschriftzeichen des Philosophen Guan Yin Xi (Familienname Guan, Vorname Yin Xi) als die Bezeichnung für einen Grenzwächter und fügt den drei Schriftzeichen eigenmächtig noch ein viertes (Ling) hinzu, weil erst "Guan Ling Yin" die korrekte Schreibweise für den Begriff "Grenzwächter" ergibt. Nun liest es sich Guan Ling Yin Xi und der "Grenzwächter Xi" ist geboren.
          Einer der Han-Kaiser, so wird überliefert, soll der taoistische Lehr- spruchsammlung dann den Namen "Daodejing" gegeben haben: "Das klassische Buch von Dao und De". Die Erfindung des Papiers fördert dann in den Gelehrtenkreisen die intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Philosophie. Um das Jahr 246 verfasst der Gelehrte Wang Bi einen Kommentar zum Daodejing, seine Textinterpretation wird von Generation zu Generation überliefert und bildet in China fortan die Standard-Version.
          Die taoistische Schule wandelt sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte mehr und mehr zu einer Art Volksreligion auf niedrigem Niveau, mit Göttern und Dämonen, Zauberei und Aberglauben. Die Figur des Laozi dient je nach Bedarf als Weiser, Gott, Ahnherr der Taoisten, Götter-König oder Weltenschöpfer.

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A) Die Person des Laozi
Die Geschichtsforschung zeigt, daß in der chinesischen Legende des Laozi drei unterschiedliche Gestalten miteinander verschmelzen: Jener Laozi als angeblicher Verfasser des Daodejing und Zeitgenosse des Konfuzius; dann ein Geschichtsschreiber Tai Shi Dan am Hofe des Zhou-Staates; und schließlich noch ein Lao Lai Zi, den aber nur der Großhistorikers Sima Qian in seinem Bericht erwähnt.
- Der legendäre Laozi
Über seine Gestalt sagen die Quellen lediglich aus, daß er Konfuzius (Kongzi) getroffen und später das Daodejing verfasst haben soll. Mehr nicht. Da das Geburtsdatum des Konfuzius mit 551 v.u.Z. als historisch verbürgt angesehen werden kann, bedeutet dies für Laozi ein früheres Ge- burtsjahr, welches man in China von alters her mit 604 v.u.Z. ansetzt.
Sorgfältige Auswertungen der alten chinesischen Schriften ergeben nun, daß die Person eines Laozi erstmals um das Jahr 250 v.u.Z. als Gründer einer philosophischen Schule in deren Aufzeichnungen erwähnt wird. Zeitlich frühere Erwähnungen, z.B. bei Dschuangdse (Zhuangzi), erweisen sich als Fälschung, d.h. als nachträgliche Texteinfügungen der taoistischen Schule. Andere Textstellen geben keinerlei Hinweis auf einen Ahnherrn der taoistischen Schule oder gar auf den Verfasser eines Daodejing. Daß der Name Laozi immer nur in Verbindung mit dem Daodejing Erwähnung findet, die Person aber in keinem anderen Text auch nur einmal eigenständig auftritt ist um so erstaunlicher, als die chinesische Tradition bedeutende Persönlichkeiten immer mit viel Sorgfalt beschreibt und ausführlich erwähnt; das zeitgleiche Beispiel des Konfuzius ist hierfür bester Beleg.
Fachleute gehen deshalb heute von folgendem Szenario aus:
Zu Lebzeiten des Konfuzius gibt es keinen Laozi (oder: Lao Dan). Nachdem Kongzi längere Zeit erfolglos lehrend durchs Land gezogen und vermutlich nicht sehr frohen Herzens gestorben ist, beginnen seine Nachfolger mit den schriftlichen Aufzeichnungen der "Gespräche des Konfuzius" und nehmen später als Ausschmückung fremde Lehrer in die Vita auf. Einen dieser Lehrer benennt man völlig neutral und beliebig mit Lao Dan, den "alten Dan". Verständlicherweise erwähnt deshalb keine andere Textquelle den Namen Lao Dan - und die Jahre vergehen. Während sich die philosophischen Auseinandersetzungen in der unruhigen Zeit der "Streitenden Reiche" (475-221 v.u.Z.) mehr und mehr zuspitzen, haben sich sechs führende Lehrmeinungen als "Schulen" etabliert, unter denen die Taoisten die zweitstärkste Fraktion hinter den Konfuzianern bilden. Das wurmt sie gewaltig, und ganz entgegen den Grundzügen ihrer Philosophie ersinnen sie einen recht pfiffigen, wenngleich aber unfeinen Trick, um das Blatt zu wenden: Sie entwerfen die Gestalt eines Weisen, der vor langer Zeit die Lehre des Taoismus gründete - und personifizieren diese genau mit jenem Namen, den auch die konfuzianischen Schriften verwenden: Lao Dan! Um diese neue Version auch historisch wasserdicht zu machen, ergänzen sie nachträglich die Aufzeichnungen ihres bereits verstorbenen Lehrers Zhuangzi (369 - 286 v.d.Z.) und fügen dort den Namen Lao Dan und das Treffen mit Konfuzius ein. Was die Konfuzianer nun schwer in Bedrängnis bringt, denn der von ihnen selbst zitierte Lao Dan wird so plötzlich zum Lehrmeister ihres Konfuzius. Aus Lao Dan macht die taoistische Schule dann die respektvollere Bezeichnung Lao Zi "Alter Meister", von dem der Großhistoriker Sima Qian somit um 100 v.u.Z. berichten kann, aber noch nicht von einem Daodejing, denn diese Bezeichnung für die Lehrspruchsammlung der Taoisten wird erst später eingeführt.
- Die Person des Geschichtsschreibers Tai Shi Dan
Interessanter im Hinblick auf Authentizität ist die Person eines Geschichtsschreibers Tai Shi Dan, der, nach Sima Qian, "129 Jahre nach dem Tode des Konfuzius" am Hofe der Zhou-Dynastie gelebt haben soll.
Die für den legendären Laozi angegebene Genealogie führt genau in die Lebenszeit dieses Tai Shi Dan zurück. Zwei Sachverhalte sprechen dafür, daß die dargestellte Genealogie des Laozi in Wirklichkeit jene des Geschichtsschreibers Tai Shi Dan ist: Der von Sima Qian zitierte Geburtsort von Laozi im Ku-Bezirk des Lehnstaat Chu, wurde überhaupt erst 479 v.u.Z. vom Lehnstaat Chu erobert. Also viel zu spät, um Laozi zum Zeitgenossen des Kongzi zu machen, aber für den Geschichtsschreiber Tai Shi Dan um 350 v.u.Z. absolut passend! Und auch der Sohn des Laozi, der General im Staate Wei wurde, kann dies erst nach 403 v.u.Z. geworden sein - denn erst da wurde Wei gegründet! Rechnet man von diesem Datum zurück, so passt auch dies wieder perfekt zur Lebensspanne des Geschichtsschreibers Tai Shi Dan. Sima Qian fiel sicherlich auf, daß ein Treffen mit Konfuzius deshalb eigentlich kaum möglich gewesen sein konnte. Aus der Erklärungsnot half da nur die angebliche Langlebigkeit des Laozi aufgrund seines geheimen Wissens vom 'Elexier der Unsterblichkeit' - für einen Großhistoriker sicherlich eine recht unbefriedigende Version.
- Der bei Sima Qian noch erwähnte Lao Lai Zi
Diese Figur basiert rein auf Hörensagen und kommt für die Person des Laozi überhaupt nicht in Frage, da der Name Lao Lai Zi in der ganzen chinesischen Literatur an keiner anderen Stelle erwähnt wird.
Ergo:
Wenn überhaupt eine reale Person hinter der legendären Figur des Laozi steckt, so am wahrscheinlichsten ein Geschichtsschreiber namens Tai Shi Dan. Hinzu kommt, daß die Stellung der Geschichtsschreiber im China der Vorzeit eine so geachtete war, daß ihnen viel Respekt entgegengebracht wurde und sie deshalb sogar eine eigene Schule, die "Geschichtsschreiber-Philosophen", bildeten, die eng mit einer naturphilosophischen Lehre vom Tao zusammenhing.

B) Das Daodejing
Der Begriff Daodejing wird überhaupt erst um das Jahr 150 v.u.Z. erstmalig erwähnt. Der Überlieferung nach nimmt es der Han-Kaiser Ging Di (156-140 v.u.Z.) für sich in Anspruch, der taoistischen Lehrspruchsammlung diesen Namen gegeben zu haben. Den Text des Daodejing erhielt er von seinem Vater und dieser wiederum will ihn von einem Weisen namens He Shan Gong empfangen haben (siehe erstes Kapitel).
Doch die Geschichtsforschung sieht das ganz anders.
Die taoistischen Lehrsprüche entwickelten sich mit größter Sicherheit aus überliefertem chinesischen Spruchgut, nahmen Anleihen beim Sprichwort, beim Rätsel, und ähnelten einer Sammlung alter Volksweisheiten (manche Absätze beginnen wörtlich mit "Die Alten sagten ..."). Die taoistischen Lehrsprüche existierten anfänglich in mündlicher Form, wurden von Jahr- hundert zu Jahrhundert neu interpretiert, umgeformt und je nach Sicht und Einsichtsfähigkeit der Übermittler verwendet. Ab dem Jahr 150 v.u.Z. bildete sich dann die Bezeichnung Daodejing heraus, "Das klassische Buch vom Dao und De".
          Durch die 'Seidentexte von Mawangdui' und die gefundenen Text- fragmente auf Bambusstreifen, die sich inhaltlich alle sehr ähneln, kann man nun davon ausgehen, daß ein weitestgehend feststehender Wortlaut schon im 4. Jahrhundert v.d.Z. existierte, der dann über die Jahrhunderte hinweg nahezu ohne große Abweichungen überliefert wurde. Der in Schriftform fixierte Text ist ursprünglich nur in zwei Abschnitte eingeteilt, weist aber eine Interpunktion auf, die die später erfolgte klassische Einteilung in 81 Kapitel nachvollziehbar macht. Größte Überraschung war bei den Textfunden von Mawangdui die Tatsache, daß die beiden Textteile des Dao und De in ihrer Reihenfolge vertauscht waren: Das Kapitel De steht vor dem Kapitel Dao, so daß sich als neuer Name des Werkes nun eigentlich Dedaojing ergibt. Man interpretiert diese Umstellung der Kapitel aber als eine rein zeitbezogene und somit kurzfristige Interpretationsgewichtung des Textes zugunsten des mehr praxisbezogenen Teils des De, dem der eher theoretische Teil des Dao untergeordnet wurde. Spätere Generationen haben die Abfolge dann wieder in die bekannte Form des Daodejing geändert.
          Vor allem weisen die gefundenen Textversionen durch kleine inhaltliche Abweichungen eindeutig darauf hin, daß ihre Grundlage auf gesprochene Sprache zurückgeht und sie nicht als Schrifttext entworfen wurden. Auch die starke lautgereimte Form des Textes spricht für diese Annahme, da eine Form in Reimen zur damaligen Zeit bei Schriftstücken nicht üblich war.
(Da der älteste Textfund, jene auf Bambusstreifen geschriebene Dedaojing-Version, aus rund 2000 Schriftzeichen besteht, wird seit neuestem auch diskutiert, ob dies die historische Rohfassung eines alten Denkers sein könnte, die der Geschichtsschreiber Tai Shi Dan dann einfach nur an seinen Schüler Guan Yin Xi weitergab und die von diesem und seinen Schülern dann auf die letztendlich heute überlieferte Länge von rund 5000 Schriftzeichen erweitert wurde.)

  

8.   Ergo


Werden wir je erfahren, wie sich der Text des Daodejing entwickelte,
wer ihn entwarf und ob es einen Laotse wirklich gab? Nichts scheint sicher zu sein.
Andererseits: Was ändert es denn, wie es zu der heute überlieferten Textversion kam
und wer sie verfasste? Selbst wenn sie reine Erfindung wäre - sie wäre eine gute!
Vielleicht ist es ja gerade diese fragend-suchende Auseinandersetzung,
in der der eigentliche Gewinn für uns liegt - im Finden und Verwerfen,
im Einfühlen, Nachsinnen, sich Gedanken machen.

Eine noch ausführlichere Darstellung zu diesem Thema und eine neue Übertragung der 81 Lehrsprüche des Daodejing bietet das Buch
 
" Laotse und das TAO TE KING "
Verlag Das klassische China, Weinheim

Matthias Claus 2006
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